|
Vorwort Heinrich Teudt gehörte in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Lübeck zu den Gesellen, die der Gesellschaft in gutem Gedächtnis sind. Sein Einfluss ist dort heute noch spürbar. Für Hein war neben seiner Familie die Fremdensache der Mittelpunkt seines langen Lebens. Als erfolgreicher Bauleiter und späterer Ziegeleibesitzer in Warnow bei Grevesmühlen förderte er die Bruderschaft, wo immer er konnte. Nun liegen uns seine Reiseerinnerungen vor, die Hein als fast Neunzigjähriger aufschrieb. Das ausgezeichnete Gedächtnis und seine wohlgeordneten persönlichen Papiere der Wanderzeit machten diese Arbeit möglich. Wir sind ihm und seinem Urenkel Björn Wulf dankbar. Björn Wulf aus Seedorf/Kreis Herzogtum Lauenburg stellt uns die Aufzeichnungen zur Verfügung. Verschüttetes und wohl auch Verdrängtes unserer langen Geschichte führt uns Heins Bericht vor Augen. Er schildert Ereignisse, die anrühren; aber auch solche, die mit den heutigen Wertemaßstäben nicht mehr zu vereinbaren sind. Aus über hundert von Heinrich Teudt eng beschriebenen Seiten habe ich die Zeit seiner Wanderschaft weitestgehend abgeschrieben. Sprachliche Veränderungen erfolgten lediglich, falls dieses zum Verständnis unbedingt notwendig war. Ansonsten wurde Wert darauf gelegt, die Sprache des Autors originalgetreu wiederzugeben. Hamburg, September 2002 Horst Waage Ich selbst war gleich, nachdem ich von der Bauhütte in Lübeck freigesprochen war, dem Verbande beigetreten. Ich war am 01.04.1888 in die Lehre getreten. Damals war die Lehrzeit in Lübeck noch vier Jahre. Lübeck war und ist mit die best organisierte Stadt, aber auch wie alle drei Hansestädte bisher, Hauptsitz der rechtschaffenen fremden Maurer. Es gab 1892 noch viele als Fremde gereiste Maurer- und Zimmermeister, so auch mein Lehrmeister Johannes Prigge. Er war gebürtiger Bremer und hatte sich in Lübeck fremd einheimisch gemeldet und seinen Meister gemacht. Damals war es noch so, zu Pfingsten bekamen wir als Junggesellen bei ihm Feierabend und er sagte uns dann beim Überreichen unserer Papiere, so hier habt ihr jeder einen Thaler Reisegeld und lasst euch in drei Jahren nicht wieder sehen. Ich reiste dann mit meinem Lehrkameraden Adolf Thurmann, später Obermeister der Innung in Lübeck, gleich ab. Nachdem wir in Lüneburg und Hannover vergeblich um Arbeit angesprochen hatten, damals noch mit dem zünftigen Spruch. Nachdem wir dreimal an die Tür geklopft hatten und der Meister in der Tür erschien "mit Gunst und Erlaubnis, sind Sie der ehrbare Meister", worauf der Meister "das ist löblich", darauf wir "mit Gunst und Erlaubnis, zwei rechtschaffene fremde Maurergesellen sprechen den ehrbaren Meister um acht oder vierzehn Tage Arbeit an oder solange es dem ehrbaren Meister und uns gefällt", darauf der Meister dann "Gesellschaft, Sie können anfangen" oder "Arbeit leider nicht vorhanden". Worauf man dann ein Reisegeschenk, meistens eine Mark erhielt. Viele Meister gaben das Geschenk auch dann, wenn man angestellt wurde. In Kassel, wo wir Arbeit bekamen, ließen wir uns "fremdschreiben", das heißt bei den Maurern und Steinhauern "erwandern." Das Reisen war damals viel schwieriger als heute, aber wohl auch abenteuerlicher. Außer Geschenken bei den Innungen und Meistern, Fachvereinen und bei den Verbandszahlstellen sowie Ausschank bei den fremden Gesellschaften, gab es keine Geschenke, höchstens an einigen Orten, Orts- oder Stadtgeschenke. Arbeitslosenunterstützung gab es überhaupt noch nicht. So war man aufs "Fechten", das heißt ansprechen auf Unterstützung bei der Bevölkerung angewiesen. Da nun infolge Industriealisierung und der damit verbundenen Landflucht in Krisen-und Winterzeiten auch viele ungelernte Arbeiter die Landstraßen bevölkerten, sank das Ansehen der Wandernden rapide. Zur Bekämpfung der um sich greifenden Bettelei, bildeten sich Vereine gegen Armut und Bettelei. Da die Zunftherbergen außer den Herbergen der fremden Maurer- und Zimmergesellen, entweder eingegangen oder sogenannte Kundenherbergen geworden waren, wurden von christlicher Seite die Herbergen zur Heimat allerorts eingerichtet, auch gaben die Gemeinden Ortsgeschenke um dem Betteln zu begegnen. Man nannte sie auch Verpflegungsstationen. Für das Übernachten, die Abendsuppe und den Morgenkaffee musste der Empfänger einige Stunden arbeiten. Holzsägen, Holzhacken, Steineklopfen usw. Die alte Handwerksgesellentracht war sozusagen verschwunden, nur die fremden Maurer, Zimmergesellen hielten noch auf Tracht. Folgende Bekleidungsstücke gehörten zur zünftigen Kluft: langschäftige Stiefel, hauptsächlich für den Winter, im Sommer auch Schuhe, sie mußten schwarz sein, weiße oder auch gelbe oder schwarze englischlederne Hosen, auch solche aus Manchester, weißes Hemd mit Kragen, bis dann die Hemden ohne Kragen aufkamen. Im Winter trugen alle sogenannte Isländer. Die Ehrbarkeit, solange das Kragenhemd üblich war, ein schwarzes 1 cm schmales, vorne in Schleife gebundenes Band, später beim kragenlosen Hemd, ein durch den Hemdlatz gezogenes 2 cm breites schwarzes Rips- oder Samtband. Die Zimmerleute trugen schwarze und die Maurer weiße Westen, beide versehen mit weißen Knöpfen. Der Rock war meistens dunkelblau oder schwarz, konnte aber auch eine andere Farbe haben, nur nicht grün, und mußte einen Kragen haben und drei Knöpfe. Vielfach wurden als Rock oder Jackett auch ein Gehrock oder auch ein Cut getragen. Der Hut, der bei den rechtschaffenen fremden Gesellen seit alters her eine große Rolle spielte, war auch nach der Gewerbefreiheit in der Hauptsache der hohe Hut, Zylinder oder Spint genannt. Aber auch der Schlapphut, mit möglichst 10 -15 cm breitem Rand bürgerte sich immer mehr ein. Solidere Gesellen trugen vielfach steife Hüte, sogenannte Koks oder auch als Scharwerker bezeichnet. Der schwarze Hut ist Vorschrift. An Stelle des Felleisens ist jetzt allgemein der Berliner oder auch Charlottenburger genannt, getreten, der beim Zureisen unter dem linken Arm, beim Wandern auf der Landstraße aber an einem Gurt über der linken Schulter getragen wird. Vorschrift ist, dass der Berliner in einem bunten Tuch eingebunden ist. Die Bekleidungsfirmen fertigen dafür jetzt extra große Tücher an, in weiß und rot und schwarz bedruckt, die sie meistens als Reklame dazugeben. Doch nun wieder zu den die Landstraßen bevölkerten sogenannten Kunden, wie man die wild wandernden Leute nannte. Hier hatten sich jedoch die älteren und alte abgesondert, die sich ganz bestimmte Grenzen setzten, über die sie nicht hinauswanderten. Sie arbeiteten nur gelegentlich. Berüchtigt waren die sogenannten Speckjäger oder auch Monarchen genannt, die zur Ernte, wie es noch keine oder erst wenige landwirtschaftliche Maschinen gab, in Scharen nach Oldenburg in Schleswig-Holstein, vor allen Dingen nach der Insel Fehmarn wanderten. Wenn die Ernte vorbei war, wurden sie entlassen und kehrten wieder in den Bezirk zurück. Natürlich wurde das sauer verdiente Geld sofort in den Pennen, so nannten sie die Herbergen, in Schnaps umgesetzt. Danach nahmen sie ihr altes Bettelleben wieder auf. Viele waren schon bei den Bauern und auch anderen Leuten richtige Stammgäste, wo sie in sich wiederholenden Abständen wieder eintrafen, um ihre Gaben abzuholen. Sie nächtigten beim Bauern im Heu oder im Kuhstall. Von alters her hatte sich mit der Zeit unter den Wandernden eine richtige Kundensprache herausgebildet, die nur den Eingeweihten verständlich war. Z.B. Jemand um Gaben ansprechen: Schmal machen, Hut: Obermann, Rock: Walmusch, Schuhe: Treter oder Trittlinge, Hemd: Staude, Weste: Kreuzspinne, Kreuzband, Papiere : Flebben, Dorf: Kaff, Polizist: Teckel, Meister: Krauter, auf Stroh schlafen: Rauscher machen, im Freien schlafen: Platte reißen, Essen: Pickus, Trinken: Schmoren, Brot: Hanf, Arbeiten: Schenigeln, Gruß: Kenn Mathilde, Krätze: Barrach, Mädchen auf Wanderschaft: Tippelschickse, Wanderschaft: Tippelei u.s.w. Die rechtschaffenen fremden Maurer sowohl wie Zimmerleute hatten freilich keine große soziale Bedeutung mehr. 1882 arbeiteten in Schwerin noch über 1OO fremde Maurergesellen. Sie war dann die letze Stadt, die wegen Lohnstreik von der Schweriner Gesellschaft schwarz gemacht wurde, was jedoch im Sande verlief. Die vogtländisch , also die nicht fremd geschriebenen reisenden Gesellen kümmerten sich nicht darum. Die Lohn- und Arbeitskämpfe wurden nach Gründung des Deutschen Maurerverbandes von diesem durchgeführt. Die Fremden waren alle im Verband und treue Befolger seiner Anordnungen und Beschlüsse. Hier will ich nun Selbsterlebtes in dieser Sache schildern. 1892 im Oktober arbeite ich in Flensburg mit mehreren Fremden Akkord. Wir verdienten bei gemütlicher Arbeit im Akkord ca. 1 Mark die Stunde, also doppelten Stundenlohn. Bei der Arbeit wurde vielfach ein kleines Fass Bier angesteckt und tagsüber ausgetrunken. Nachdem wir den Bau bald bis zum Richten fertig gemauert hatten, kam vom Verband die Order, nicht mehr im Akkord zu arbeiten. Wir machten dann sofort mit der Arbeit Schluss und reisten alle ab, weil andere Arbeiten nicht zu haben waren. In Stundenlohn wollten die Meister nicht einstellen. Mein Kamerad war Julius Harm aus Kiel. Die Reise ging über Hamburg-Harburg, Lüneburg, Uelzen, Celle nach Hannover. Dort bekamen wir am 2.12.1892 Arbeit, doch mußten wir am 23.12. wegen einsetzenden Frostwetters wieder aufhören. Wir feierten dann mit der Gesellschaft auf der alten, noch mit fliegendem Schild versehenen Herberge im Potthof Weihnachten. Der Tannenbaum war mit dem Stiel durch ein Loch im Tisch gesteckt und wurde durch Ziehen an den Bändern, die an den Stiel gebunden waren, beim Singen von Handwerksliedern gedreht. Am 3.Weihnachtstag tippelten wir dann weiter, nun ging die Tippelei ernsthaft los. Es wurde ein sehr langer strenger Winter mit viel Schnee. Zuerst machten wir einen Abstecher nach Bielefeld. Dort holten wir uns Innungsgeschenk und Verbandsunterstützung. Dann ging es nach Minden. Dort war noch ein Fachverein, wir bekamen unsere 6O Pf. und 5O Pf. von der Innung pro Mann. In Peine gab es ebenfalls noch einen Fachverein, der zahlte nur 50 Pf. Reiseunterstützung. In Hildesheim war wieder eine Verbandszahlstelle. Von jetzt an fanden wir in jeder Stadt, wo wir Rast machten, eine Zahlstelle des Deutschen Maurerverbandes. Es wurde jeden Tag eine lange Strecke getippelt, so von morgens 8 Uhr bis 4-5 Uhr nachmittags. Den Tag über wurde dann tüchtig gefochten, so wurde ich der Kundensprache des Ansprechens mächtig. Dazu haben die Handwerksburschen den Vers gedichtet: Man macht keine Witze, nimmt zur Hand die Mütze und spricht ganz ergebenst, entschuldigen Sie... Das Fechten wurde zur bitteren Wahrheit. Wenn es zu Mittag ging, sangen wir: Kommt auf halben Wegen uns ein Kaff entgegen und der Schornstein zeigt den Mittag an, nun ihr lieben Brüder, lasst uns tapfer schreiten, sonst wird uns das Mittagessen kalt. Dann sprach man in jedem Haus an. Es ist mir passiert, dass ich häufig mehrmals zu Essen bekam. Unsere Reise ging weiter über Hildesheim, Calbe, Stassfurt, Aschersleben, Quedlinburg. Hier fanden wir noch eine richtige Maurerherberge mit fliegendem Maurerwappenschild am Giebel vor. Auf der Herberge war auch ein Flickschuster und da mein Kamerad auf Deutschem Boden lief, so sagt man, weil er keine Sohlen mehr unter den Stiefeln hatte, passte sich das gut. Er hatte aber nur Halbschuhe an, während ich richtige Langschäfter trug. So beschloss ich, mein eingenähtes Zehnmarkstück vorzuholen und ihm die Schuhe besohlen zu lassen. Dazu mussten wir noch einen Tag in Quedlinburg bleiben. Abends gingen wir dann in die Gaststube, wo einige Meister ihren Abendschoppen tranken, und bestellten uns Bratkartoffeln mit Spiegeleier und Speck. Wir hatten ja das Goldstück in der Tasche. Die Meister guckten und sagten, ihr seid aber noble fremde Maurer, bestellten aber jedem ein Glas Bier. Nachdem wir uns 6O Pf. Verbandsunterstützung geholt hatten, ging am 3.Tag die Reise weiter nach Halberstadt. Unser Geld war nun alle geworden und jetzt hieß es fechten, um durchzukommen. In Halberstadt gab es nur Verbandsreiseunterstützung und Innungsgeschenk , zusammen 1,1O RM. Sonst war in Halberstadt nichts zu machen. Die Bewohner gaben einfach nichts, nicht mal ein Stück trockenes Brot. Sonderbarerweise sagten die Schutzleute auch nichts, wenn man aus einem Haus kam. Am anderen Tag ging es bei fürchterlichem Schneetreiben , wie denn der ganze Winter 1892/93 strenge und lang war und viel Schnee hatte, den Berg rauf nach Blankenburg im Harz. Zum Glück fuhr vor uns ein Schlachterwagen mit Vieh, hinter dem wir dann etwas Schutz hatten und den wir dann gelegentlich durch Nachschieben über Schneeverwehungen rüberhalfen. In Blankenburg, einem kleinen im Braunschweigischen gelegenen Städtchen, trafen wir wiederum eine gute, durch ein Maurerwappenschild angezeigte Herberge. Die Herbergsmutter begrüßte uns recht freundlich. Wir legten unsere Berliner und Stenze unter die Bank. Dann sagten wir zur Herbergsmutter, wir wollten uns ein bisschen umschauen. Die Kunden in Halberstadt hatten gesagt, in Blankenburg ist es sehr gut, aber heiß, mit anderen Worten, die Leute geben, aber man geht auch leicht hoch oder auch verschütt, wie es in der Kundensprache heißt. Man wird leicht verhaftet oder arretiert. Wie wir aus der Herberge raustreten, sagte ich, Julius, wenn wir die Straße zu Ende gekloppt haben, kehren wir zur Herberge zurück. Ich ging links, er rechts runter. Ich fing gleich Haus bei Haus an zu klopfen. Die Leute gaben alle und auch reichlich, selten unter 5 Pf. Beim Bäcker gabs Brötchen, beim Schlachter Wurstzipfel, ich hatte bald alle Taschen voll, nun kam das letzte Haus. Ich stand auf dem Flur und klopfte an die Stubentür. Auf dem Hof wurde Holz gesägt. Nun kam eine junge Frau, ich sagte meinen Spruch, sie sagte, einen Augenblick, ich will mein Portemonnaie holen. Gleich darauf kam der Mann in Schutzmannhose und Mütze auf, aber ohne Rock. Er fragte, na junger Mann, was wollen Sie denn? , ach sagte ich, ich habe Durst, bitte ein Glas Wasser. Er lachte, bei dem Schneetreiben und Durst!, zeigen Sie mal Ihre Papiere. Inzwischen brachte seine Frau den Rock, Koppel und Säbel. Er schnallte um und sagte dann, kommen Sie mal mit. Er ging mit mir direkt zum Gefängnis. Ich war das erste Jahr und den ersten Winter auf Tippelei seitdem ich Geselle und Fremder war. Ich stellte es mir furchtbar vor, eingesperrt und bestraft zu werden. So bat ich den Schutzmann, er möchte mich doch laufen lassen. Ich wäre doch kein Vagabund, sondern ein rechtschaffener Handwerksgeselle, der sich die Welt besehen und sich in seinem Handwerk vervollkommnen und Land und Leute kennenlernen wolle. Aber alles nützte nichts. Vor dem Gefängnis angekommen, sagte ich ihm dann, ihrer Frau wünsche ich alles, aber nur nichts gutes. Aber auch das rührte ihn nicht. Im Gefängnis wurde ich dann von einem alten Gefängniswärter, ein früherer Feldwebel und dessen schon älterer Tochter in Empfang genommen. Ich musste mein Geld, es waren 1RM und 1O Pf. in lauter Kleingeld, ebenso meine Papiere abgeben, auch meine Brötchen und Wurstzipfel. Dann meinte er, na, andere Kleidung brauche ich wohl nicht, schloss eine Zelle auf, wo ich eintreten sollte. Nun bat ich ihn, ob ich denn nicht meine Brötchen und Wurstzipfel mitnehmen könnte. Eigentlich nicht, meinte er. Aber dann, man zu, sie haben wohl sehr Hunger. Ich sagte, seit heute morgen habe ich noch nichts gegessen. Meine Zelle enthielt eine Pritsche mit Matratze, eine Decke, eine Waschschüssel, einen Wasserkrug, Handtuch und Eimer, der zugleich als Clo diente. Hoch oben an der Außenwand ein kleines vergittertes Fenster. Ich hatte mich eben richtig umgesehen, da brachte mir das Mädchen eine Schüssel Suppe. Ich tat mich recht gütlich an den Brötchen, die ich zum Teil in die Suppe brockte, die anderen aß ich mit den Wurstzipfeln zusammen. Die Zelle war gut geheizt und so schlief ich dann den Schlaf des Gerechten. Am anderen Morgen bekam ich wieder eine Haferschleimsuppe und dann meinte der alte gemütliche Wärter, ich würde zusammen mit einem Mithäftling in eine Zelle ziehen. Es ist ein alter Maurer, er hat 6 Wochen Gefängnis, er ist ein braver Kerl, er hat seinen Schwiegersohn verhauen, der gar nichts taugt, aber das darf nicht sein. Er lehrt ihnen am Ende noch schöne Zunftsprüche. Bücher zum Lesen hat er auch noch. Ich war natürlich einverstanden und zog gleich bei ihm ein. Er hatte den Roman "Ronaldini Garibaldi" da, worin ich denn gleich zu schmökern anfing. Nebenbei erzählte er dann von seinen Wanderjahren und lehrte mir den Spruch vom Schnüren. Er lautete: "Mit Gunst und Erlaubnis --- Die Schnur ist gezogen, wir Maurer seins gewogen, Schnurren, Könige, Grafen und Fürsten, und die Herren werden wohl wissen, dass die Maurer oft dürsten, darum werden sie es uns nicht verdenken, und uns ein kleines Biergeld zu schenken. Es mag nun sein eine Flasche Bier oder Branntewein, oder ein Stückchen Geld, wie es den Herren gefällt --- Sind es Damen, heißt es natürlich Damen, sind beide Geschlechter vertreten, heißt es Damen und Herren. Geben die Herrschaften etwas, so heißt es: --- Wir bedanken uns mit Gunst ---. Wurde nichts gegeben, sagt der Schnürende: --- Die Schnur ist zerrissen, der Herr ist beschissen--- . Maurer und Zimmerleute sind ja seit eh und je gradeaus. Das Schnüren wird von 2 Mann gemacht, indem sie eine Schnur vor der Tür oder über den Weg halten, wo die Besucher des Baues gehen oder durchmüssen. Oder ein Mann nimmt eine Wasserwaage oder einen Senkel und lotet die Leute ab. Nachdem ich mich bei meinem neuen Kameraden eingerichtet hatte, holte mich der Wärter wieder raus und führte mich in ein Zimmer. Dort war ein älterer Herr, ebenfalls ein früherer Feldwebel, der sich als mein Ankläger vorstellte. Und nun wurde ich von ihm befragt, ob ich schon bestraft, wie lange arbeitslos und warum ich von zu Hause fort bin usw. Meine erste Frage an ihn, wie lange ich denn eingesperrt würde. Er sagte dann ganz gemütlich, erst würde nun in Lübeck, meiner Heimatstadt angefragt, ob sich auch alles so verhalte, wie ich es angegeben habe. In der Kundensprache heißt es "Nach Hause gefackelt". Und dann meinte er, es würde doch ganz gemütlich im Haus und arbeiten könnte ich bei dem Wetter noch lange nicht. Ich war darüber sehr niedergeschlagen. An und für sich war es ja, wie man so sagt, ein fideles Gefängnis und es gefiel mir soweit ja auch ganz gut. Bis auf den Kübel, wo wir unsere Notdurft verrichteten. Der Geruch, den er ausströmte, fiel mir schwer auf die Nerven. Außerdem war ich ja das freie ungebundene Leben gewohnt, sodass schon das Sitzen oder in der Zelle nur ein paar Schritte hin und her gehen können, für mich eine Strafe war. Am zweiten Tag kam dann die Antwort aus Lübeck. Ich wurde in ein großes Zimmer geführt, das als Gerichtssaal hergerichtet war. Da war dann der alte Herr, also mein Ankläger, und ein jüngerer, wohl der Richter. Nachdem ich nochmal wegen meiner Personalien usw. befragt war, wurde ich zu 4 Tagen Haft wegen Bettelns und Landstreichens verurteilt. Mein Ankläger sagte mir nachher, es wäre gleich, ob ich 1 Tag oder 4 Tage bekommen hätte. Es würde immer nur als einmal vorbestraft gerechnet. Nach 2 Tagen morgens gegen 9 Uhr bekam ich mein Geld und meine Papiere wieder mit dem Bemerken, ich solle im Braunschweigischen ja nicht wieder betteln. Wenn ich nun wieder gefasst werden würde, käme ich ins Zwangsarbeitshaus. In der Kundensprache "Arbeitswinde." Nun war ich wieder in Freiheit. Auf dem Weg zur Herberge holte ich mir dann 1 Mark Innungsunterstützung und 5O Pf. Fachvereinsreiseunterstützung. Von der Herberge holte ich mir meinen Berliner und Stenz und zog , bedauert von der Herbergsmutter und mit guten Wünschen von ihr auf dem Weg längs der Teufelsmauer gen Thale. Mein Kamerad Julius war den anderen Tag schon weiter gewandert. Ich habe ihn nicht wiedergetroffen. Über Thale an der Bode ging es den Tag noch nach Ballenstedt. Eine Verbandszahlstelle war dort nicht und da ich den Tag auch nicht gefochten hatte, weil ich ja noch im Braunschweigischen war, so nahm ich zum erstenmal Verpflegung, wofür ich den anderen Tag morgens bis 1O Uhr arbeiten musste. Dafür erhielt ich abends eine Wassersuppe, Nachtlager und den anderen Morgen Kaffee mit einem Brötchen. Den Tag ging es dann bei scharfem Frost durch den verschneiten Harz bis Wippra, ein großes Dorf im tiefen Tal. Ringsum von Bergen eingeschlossen. Hier musste ich wieder Verpflegung nehmen. Abends nach dem Suppenessen wurden wir gebient. Dabei mussten wir dem Herbergsvater und manchmal auch der Herbergsmutter die Hemden vorzeigen. Die wurden dann am Halskragen, in den Falten und Nähten auf Läuse untersucht. Die Läuse hatten, mussten dann in der geheizten Fremdenstube auf den Bänken schlafen. Ich und noch ein anderer hatten keine Bienen und mussten nebenan in der eiskalten Kammer auf Matratzen, welche auf dem Fußboden lagen, mit einem Kopfgestühl und einer Wolldecke zum Zudecken, nackend schlafen. Nackend ohne Hemd wurde übrigens auf jeder Herberge geschlafen, damit man keine Läuse im Bett hinterließ, respektive aufsammelte. Unsere Kammer war eiskalt, an den Wänden glitzerte Eis. Nun war eine ganze Reihe Matratzen längs den Wänden aufgestapelt. Wie der Baas raus war, sagte ich zu meinem Schlafkameraden, weißt du was?, wir holen uns jeder eine Matratze vom Stapel und decken uns die über die Schlafdecke, sonst erfrieren wir hier noch. So schliefen wir dann ganz gut und warm. Am anderen Morgen weckte uns der Baas und schimpfte uns, wie er die Matratzen sah, wo wir so schön warm unter geschlafen hatten, auf ganz gemeine Weise aus. Nachdem wir uns angezogen hatten, wollte er uns zur Strafe keinen Kaffee geben. Wir sollten gleich raus zum Schneeschippen. Ich hatte meinen Stenz gerade in der Hand und da ich sehr erbost über sein gemeines Benehmen war, drohte ich ihm mit meinem Stenz Schläge an. Nun stürzte er ans Telefon und rief den Gendarmen an. Der kam erst eine Stunde später und brachte die Papiere aller, die dort Verpflegung in Anspruch genommen hatten. Der Baas schilderte ihm nun gleich unser Verbrechen und meine Drohung. Der Gendarm blickte aber ganz ruhig, besah sich die Kammer mit dem Eis an den Wänden und sagte dann, wir bekämen gleich Kaffee und hier wären unsere Papiere. Nach dem Kaffee könnten wir dann gleich weitertippeln. Dem Mann dürften wir es nicht übelnehmen, er wäre übernervös. Wir bedankten uns bei dem Gendarmen und freuten uns, dass es unter der Polizei auch menschlich denkende gab. Ich habe in späteren Jahren übrigens noch mehrfach solch Kaiserlich-Königliche Beamte angetroffen. Nun tippelte ich über Sangershausen, Roßla nach Frankenhausen. In Sangershausen besah ich das Rosenaquarium und in Kyffhäuser den Barbarossa. Mittagessen hatte ich mir gefochten. Von den Verpflegungen hatte ich genug. In Frankenhausen bekam ich auch wieder Verbandsunterstützung. Den anderen Tag gings nach Eisleben. Dort traf ich den rechtschaffenen fremden Maurer Ferdinand Kreutzburg aus Hamburg, mit dem ich nun in Kameradschaft zusammen reiste. Wir reisten weiter nach Schönebeck/Elbe, wo wir die Nacht Rauscher machten, zu Deutsch auf Stroh schliefen. Nun ging es über Magdeburg, Halle, Meißen, Leipzig weiter nach Dresden. Überall erhielten wir Verbandsunterstützung. Die wir uns immer morgens holten. Dann hatten wir den Tag für uns. Sachsen war damals schon sehr stark organisiert. In Dresden gab es außerdem pro Mann 5 Mark Innungsgeschenk. Mein Kamerad war schon ein alter Fremder, er war 27 Jahre alt, und wie man so sagt, mit allen Hunden gehetzt. So hatte er auch mehrere Flebben von Fremden, die in Schleswig zum Militär eingezogen waren. Darauf holten wir uns, nachdem wir Hüte und Jacketts gewechselt hatten, nachmittags auf den Papieren der Eingezogenen nochmals je 5 Mark. Ganz fair war unsere Handlung als rechtschaffene fremde Gesellen ja nicht. Ich hatte auch Angst und schwere Bedenken. Andererseits lockte aber das für uns viele Geld. Es war das erste und das letzte Mal, dass wir die Flebben der eingezogenen Kameraden benutzt haben. Wir lasen einige Tage später in der Zeitung, dass die Kameraden nach Schweden desertiert wären. Fremde, die in Norwegen gereist waren, berichteten, die Desertierten wären später in Norwegen Meister geworden. Nach 2 Tagen reisten wir von Dresden über Riesa, Großenhain nach Chemnitz. Dort kam ich für 3 Tage wegen Krätze, in der Kundensprache "Barrach am Balg" ins Krankenhaus. So bekam ich nach vielen Wochen mal wieder ein reines Hemd auf den Leib. Man darf nämlich auf der Wanderschaft keine reine Wäsche anziehen, denn Läuse sind reinliche Tiere, sie mögen den Geruch alter Wäsche nicht. Mein Kamerad hatte sich die drei Tage in Chemnitz rumgedrückt. Es ging weiter nach Zwickau, Reichenbach usw. bis Plauen im Vogtland.Dann durch Thüringen bis Rudolstadt. Überall gab es Verbandszahlstellen und Reiseunterstützung. In Rudolstadt war weiter keine Herberge wie die Herberge zur Heimat. Dort nahmen wir mal wieder Verpflegung. Abends bei Einnahme der Suppe wurde dann gebetet. Am anderen Morgen sprachen wir dann bei Maurermeister Fischer um Arbeit an. Wie wir in sein Büro traten, sagte er, seid ihr rechtschaffene fremde Maurer?, wie wir es bejahten, sagte er, dann kommt als Fremde und zeigte auf die Tür. Wir gingen raus, machten drei Knöpfe an unserem Jackett zu und klopften 3mal an die Tür. Der Meister rief herein. Wir sagten : --- Mit Gunst und Erlaubnis, sind sie der ehrbare Meister--- , worauf er:--- das ist löblich --- ,worauf wir:--- mit Gunst und Erlaubnis, zwei fremde Maurer sprechen den ehrbaren Meister um 8 oder 14 Tage Arbeit an oder solange, wie es dem ehrbaren Meister und uns gefällt, Mit Gunst,--- worauf der Meister:--- Mit Gunst Gesellen, Arbeit könnt ihr haben, aber hier ist noch elfstündige Arbeitszeit. Der Lohn ist 25 Pf., der höchste für meine besten Gesellen 28 Pf., den will ich auch zahlen, mehr kann ich nicht tun ---. Er sagte uns dann noch, er wäre Harburger und als Fremder hier hängen geblieben. Er freue sich, mal Fremde in Arbeit zu haben und gab uns dann noch jedem 1 Mark Unterstützung. Nachdem wir Logis gefunden hatten, fingen wir am 26. Februar 1893 an zu arbeiten. Hier in Rudolstadt war der Verband noch sehr schwach. Es herrschte hier noch die üble Sitte, dass der Lohn alle 14 Tage Freitags in einer Gastwirtschaft ausbezahlt wurde. Nach 6 Tagen konnte man Vorschuss nehmen. Wir bekamen gleich am Abend des ersten Tages Vorschuss, um unser Mittagessen in der Volksküche zu bezahlen. Die anderen Mahlzeiten bestanden in Brot mit Negerfett, so sagten wir zu dem billigen fremden Schmalz aus Amerika. Wir lebten so sparsam, um Geld zur Fahrt nach Braunschweig zu bekommen. Dort sollte gut bezahlte Arbeit sein. Am ersten Zahltag in der Gaststätte ging es dann lustig zu. Es waren zwei fremd einheimische Gesellen da, die auch tüchtig gereist hatten und so stieg denn ein Handwerkslied nach dem andern . Gegen 10 Uhr abends kamen dann die Frauen und holten ihre Männer. Leider waren manche Groschen draufgegangen, die in den nächsten Tagen der Hausstandskasse fehlten. Am nächsten Zahltag am 17. März ging es genauso lustig zu wie den Zahltag vorher. Der nächste Morgen brachte starken Schnee und wir sahen aus unserm Fenster gegen den Schloßberg, der ganz weiß war. Als unsere Logismutter zum Aufstehen klopfte, sagten wir, es ist wieder Winter. Wir hatten auch einen schweren Kopf. Mit etwa 2O Mark, die wir zusammen angespart hatten, beschlossen wir in Sack zu hauen, mit anderen Worten, aufhören zu arbeiten. Der Meister hatte sich das schon gedacht, wie wir zu ihm kamen. Wir bekamen unsere Papiere und noch jeder 3 Mark Reisegeld auf den Weg. Denselben Tag, am 18.März fuhren wir mit der Bahn gleich bis Braunschweig. Leider war aber keine Arbeit zu haben. Die fremden Maurer, alles ältere Register, lagen dort still, so sagt man, wenn man auf Kredit beim Herbergsvater das Frühjahr abwartet. Mein Kamerad kannte die alten Gesellen alle gut. Sie schenkten uns tüchtig aus und wollten uns überreden, auch dort still zu liegen, denn Arbeit müsste bald kommen. Am nächsten Tag erlebte ich dann noch das Schlagen unter "Hut und Schild." Der eine Geselle fühlte sich durch den anderen beleidigt und forderte ihn unter "Hut und Schild". Nachdem sie einen Schiedsrichter gewählt hatten, setzten sie sich auf die Bank und unter dem Stubenschild. Der Stenz mit dem hohen Hut darauf hing an der Wand. Die Kontrahenten saßen sich mit aufgekrempelten Hemdsärmeln rittlings gegenüber. Sie schlugen sich gegenseitig mit den Fäusten ins Gesicht bis einer "Frieden" rief. Schwer bezahlen musste der, der nach dem Friedensruf weiterschlug. Hierauf hatte in Sonderheit der Schiedsrichter zu achten. Dieses Schlagen unter Hut und Schild war eine ziemlich rohe und wüste Angelegenheit und wurde zum Glück nur noch vereinzelt ausgetragen, es war gewissermaßen ein Duell. Auf dem nächsten Kongress wurde es auch bei schwerer Strafe verboten. Inzwischen war der dritte Tag in Braunschweig angebrochen. Ich wollte schon am zweiten weiterreisen. Mein Kamerad konnte und konnte sich nicht trennen. Zum Glück hatte ich die gemeinsame Kasse und gab ihm kein Geld raus. Die alten Gesellen fingen an zu drohen. Kurz entschlossen sagte ich zu meinem Kamerad, ich reise jetzt sofort ab. Er zog es dann doch vor mitzukommen. Wir fuhren nochmals mit der Bahn nach Peine, wo auch Arbeit sein sollte. Leider wieder nichts. Nun ging es wieder auf Schusters Rappen nach Hannover zur alt berühmten Herberge im "Potthof". Hier wurde auch das Lied gedichtet: "Gehen wir mal rüber nach Schmitts, Frau Schmitt die hatte zwei Töchterlein, die wollten beide geliebet sein, gehen wir mal rüber nach Schmitts". Schmitts wohnten der Herberge gegenüber und hatten dort einen Krämerladen. Leider ging der malerische Potthof mit der gesamten Altstadt im letzen Krieg zu Grunde. In Hannover waren auch noch still liegende Gesellen. Außerdem wirkte sich die Konkurrenz der nicht organisierten Eichsfelder Maurer aus. Sie wurden vielfach bevorzugt. Die Fremden arbeiteten meistens bei zwei fremd einheimischen Meistern, deren Geschäfte zu den größten gehörten. Die Tippelei ging weiter über Celle, Uelzen, Lüneburg. Nirgends war Arbeit zu haben. In Hannover, Lüneburg und Kassel, waren Fremdenbüchsen, die anstelle der aufgelösten Gewerke gegründet waren und der jeder Fremde, sowie er in Arbeit stand, angehören musste. Die Fremdenbüchsen, der nur fremd einheimische Gesellen angehörten, falls keine Fremdengesellschaft da war, schenkten uns sehr gut aus. Da litten wir keine Not. Von Lüneburg gings nach Harburg. Hier gab es neben der Fremdengesellschaft noch das Gewerk. Von allen, auch vom Verband wurden wir hier sehr gut unterstützt. Arbeit gab es nicht. Mein Kamerad wollte nicht nach Hamburg. Wir suchten unsere Pfennige zusammen und fuhren mit der Bahn nach Neumünster. Auf der Fahrt durch Hamburg zeigte mir mein Kamerad, die an der Bahn gelegene Wohnung seiner Eltern. In Neumünster war ebenfalls Gesellschaft und wir wurden wieder sehr gut aufgenommen. Am Sonnabend reisten wir zu und am Sonntagmorgen kam ein Meister aus Bornhöved und suchte einen Gesellen. Mein Kamerad hatte seine Stiefel durchgelaufen und ich verzichtete auf die Arbeit. Auf seine Kosten bekam ich vom Herbergsvater ein sehr gutes Mittagessen. Über Nortorf tippelte ich dann weiter. In Nortorf fand in einem Lokal, an dem ich vorbeikam, eine große öffentliche Versammlung der Sozialdemokraten statt. Vor dem Lokal standen zwei fremde Maurer. Nach der freudigen Begrüßung boten sie mir an, für mich in der Versammlung schmal zu machen. Mit anderen Worten, die Versammlungsteilnehmer um eine Reiseunterstützung anzusprechen. Das Ergebnis nach einer Viertelstunde war 10 Mark. Ich fühlte mich wie ein Krösus und bedankte mich bei den beiden Kameraden. Wohlgemut zog ich gen Rendsburg. Dort gab es noch ein sehr starkes Gewerk und auch eine starke Gesellschaft. Zünftige Gesellenherbergen der Maurer und Zimmerer lagen sich gegenüber. Beide mit fliegendem Schild. Auf der Maurerherberge verkehrten nur Gewerks- und fremde Maurergesellen, der Herbergsvater war ebenfalls Gewerksgeselle und Polier im größten Baugeschäft. Ich bekam am 31. März für drei Tage Arbeit an der Rendsburger Schleuse des neugebauten Kaiser Wilhelm-Kanals. Somit tippelte ich rund 18 Wochen um die Akkordarbeit abschaffen zu helfen. Als Arbeit wurde mir das Aufmauern einer Klinkerrollschicht auf der Kaimauer zugewiesen. Danach konnte ich gleich bei Maurermeister Michels arbeiten. Die aufgetragenen Putzarbeiten für ein Haus waren ausgeführt. Trotz meiner Jugend, ich war gerade 19 Jahre alt, wurde ich mit dem Bau eines Fährwärterhauses am Kaiser Wilhelm-Kanal betraut. Ein Verblendbau mit schwarz-roten Steinen. Ich war den ganzen Tag eine Wegstunde von Rendsburg fort. Wir Fremden wohnten fast alle auf der Herberge. Ich konnte mich von den Strapazen des Winters gut und billig erholen. Wir bezahlten für volle Kost und Logis 10 Mark die Woche und was für eine Kost. Fleisch, soviel man essen wollte und konnte. Ich bekam den Tag über 14 Scheiben dick belegtes Brot mit und aß abends das warme Essen, das es Mittags gegeben hatte. Morgens trank ich Kaffee oder Milch und bekam belegte Semmeln dazu. Inzwischen war ich zur Musterung gewesen und da ich die erste auf Wanderschaft verpasst hatte, wurde ich gleich als halbunsicher zur Garde nach Berlin angesetzt. Leider starb durch Absturz unser Herbergsvater Fritz Nebel. Sein Begräbnis war sehr zünftig und eindrucksvoll. Es waren Gesellschaften aus Kiel, Neumünster und Flensburg erschienen. Die volle Gesellschaft und das gesamte Gewerk alle mit schwarz-weiß bewickelten Winkeln, oben auf der Spitze eine Zitrone. Fahnen mit Trauerbändern und alle Gesellen mit schwarzer Ehrbarkeit und weißen Handschuhen. Am Grabe wurde das treue Festhalten des Verstorbenen an der Zunft gewürdigt. Seine Wanderzettel wurden verlesen, dann zerrissen und in die Grube nachgeworfen. Wortführer und Altgesellen bedeckten den Sarg mit je drei Hände voll Erde. Sie sprachen die Worte: "Als Fremder bist du gereist, als fremd einheimisch bist du gestorben, in heimischer Erde wirst du begraben". Zuvor hatten sie jeder einen Kranz der betreffenden Gesellschaft niedergelegt. Zum Schluss warf jeder eine Zitrone mit den Worten: "So sauer wie diese Zitrone, war dein Leben, adieu Kamerad, auf nimmer Wiedersehen". Am 8. August haute ich dann in Sack und reiste über Schleswig, wo im Domziegelhof ebenfalls noch eine zünftige Herberge mit fliegendem Schild wie in Flensburg und Rendsburg war, nach Husum. Vom 11.8.1893 bis zum 12.9. arbeitete ich dort. Dann ging es wieder zu Meister Michels in Rendsburg. Am 16.10.1893 wurde ich nach Berlin eingezogen. Meine Reisezeit als rechtschaffener fremder Maurergeselle betrug nun eineinhalb Jahre. Was hatte ich in dieser Zeit alles erlebt und mit offenen Augen gesehen, wie war in dieser Zeit mein Selbstbewußtsein erstarkt und gehoben. Wie viele verschiedene Arbeitsarten hatte ich kennengelernt und mich beruflich weitergebildet. Von Kassel, wo ich mich erwandert hatte, ging es nach Mannheim. Dort habe ich gearbeitet und fungiert. Dann den schönen Rhein runter bis Wesseling bei Köln. Nach kurzer Arbeit mussten wir von Köln flüchten, weil wir aus Unkenntnis bei der Fronleichnamsprozession den Hut nicht abgenommen hatten. Über Köln-Deutz, Düsseldorf, Mühlheim, Bochum, Witten reisten wir im Gewaltmarsch, sogar die halbe Nacht durch bis Dortmund. Hier in der Gesellschaft fungierten wir und nahmen Arbeit an. Beschäftigung fanden wir an einem Schulneubau im alten Bochum. Zum Fugen wurde auf Lättle gemauert und an den Ecken Kanthölzer mit Schichteneinteilung aufgestellt. In Mannheim ertrank leider ein junger fremder Maurer beim Baden im Rhein. Er wurde von der Gesellschaft zünftig zu Grabe getragen und beerdigt. Die Eltern waren arm und brachten das Reisegeld nicht auf. Selbstverständlich setzte die Gesellschaft dem Kameraden einen Grabstein. Die treue Kameradschaft in allen Lebenslagen ist eines der schönsten Züge der Fremden, sie reicht übers Grab hinaus. Hier noch eine kleine Episode beim Eintreffen auf dem Kasernenhof in Berlin, wo wir Rekruten für die einzelnen Regimenter ausgesondert wurden. Zwei fremde Maurer und ein fremder Zimmerer waren wir dort. Mit unseren Charlottenburgern in bunten Taschentüchern unter den Armen, in den Händen die Stenze, warteten wir der Dinge, die da kommen sollten. Ein Unteroffizier kam auf uns zu, gab jedem die Hand und sagte, Guten Tag Kamerad, ich war auch Fremder, es war die schönste Zeit meines Lebens, leider habe ich kapituliert, und nun ist es vorbei. Selten kapitulierte ein Fremder, denn allgemein waren wir Fremden antimilitaristisch und Musssoldaten. Alle drei hatten wir nicht das vorgeschriebene zweite Hemd und schon gar nicht zwei Unterhosen. Im Berliner hatten wir nur ein Paar Strümpfe, Fußlappen und Taschentücher von Mosberg. Ich wurde dem Dritten Garderegiment zu Fuß, mein Kamerad den Luftschiffern und der Zimmermann den Gardepionieren zugeteilt. In der Kaserne beim Appell hieß es gleich, Hemd und Unterhosen vorzeigen. Warum haben sie keine, schimpfte der Unteroffizier, es ist doch extra auf der Gestellungsordre vermerkt. Ich sagte, ich hätte kein Geld und stehlen darf ich ja nicht. Nach einem ordentlichen Anschnauzer konnte ich mir auf der Kammer zwei Hemden und zwei Unterhosen holen. Meine neuen Stubenkameraden hatten mich schon bange gemacht von wegen Arrest und so. Danach machten sie lange Gesichter. Ende Oktober wurden wir Rekruten des Gardecorps vor dem Schloß im Lustgarten vereidigt. Dort wo Wilhelm der zweite seine berüchtigten Rekrutenansprachen hielt. Er sagte, ihr habt die besondere Ehre unter meinen Augen zu dienen. Aber auf Vater und Mutter habt ihr zu schießen, wenn ich es befehle. Das, nachdem erst 1890 das Sozialistengesetz aufgehoben war. Ein Sturm der Entrüstung ging durch die gesamte Arbeiterpresse. Das dritte Garderegiment zu Fuß war sowieso erst für die Öffentlichkeit unangenehm aufgefallen, weil der Posten am Kasernentor auf ihn Belästigende scharf geschossen hatte und dafür zum Gefreiten befördert wurde. Es wurde darauf in der Presse und im Reichstag verlangt, die scharfe Munition für Posten abzuschaffen. Sie wurde dann auch durch Platzpatronen ersetzt. Während meiner Ausbildung wurde die zweijährige Dienstzeit eingeführt. Im Übergang wurden Zweijährige und Dreijährige gleichzeitig entlassen. Die Dreijährigen erkannten die Zweijährigen nicht als Reservisten an und nannten sie weiterhin "Hammel". Wir hatten es schon etwas besser, trotzdem erschien eines Abends der Heilige Geist auf unserer Stube. Dort lagen ausschließlich Bauhandwerker. Die Reservisten kamen mit Klopfpeitschen und wurden tapfer abgewehrt. Wie auf Kommando sprangen wir aus den Betten, ergriffen die Schemel, hauten die Heiligen Geister zur Tür raus und hatten für immer Ruhe. Mein Zeichen- und Maltalent verschaffte mir bald eine Sonderstellung. Für unseren Korporalschaftsführer musste ich Krokis und sonst noch Arbeiten für den Unteroffiziersunterricht anfertigen. Zu Kaisers Geburtstag das Programm malen, für den Schießunterricht Tafeln für hervorragende Schützen anfertigen. Das brachte viel dienstfrei und sehr angenehm zeigte sich auch mein Talent, gut zu schießen. Nach dem Manöver versetzte man mich zur topografischen Landesaufnahme. Das geschah, weil ich Fähigkeiten zeigte, die bei der topografischen Landesaufnahme geschätzt wurden. Es ging zurück ins Manövergelände bei Fürstenberg an der Oder zum Topografen. Dort war unser Arbeitsgebiet und Aufnahmefeld. Der Topograf war Zivilist, aber im Hauptmannsrang. Nach meiner raschen Einarbeitung bekam ich 1,50 Mark und freie Verpflegung. Mein Topograf war eine Marke für sich. Er war wie ein Kind in Lebensfragen. Kein Verständnis brachte er dafür auf, dass ich in meinem Alter als Zeuge in einer Strafsache einen Eid leisten musste. Er begriff es auch nicht, dass ich einem Kunden, der zufällig unseren Weg kreuzte, Servus oder Kenn Mathilde zurief. Zu Weihnachten war ich wieder in Berlin. Mein Kommando war abgelaufen. Das neue Kommando als Ordonnanz der Schloßgarde brachte viel Freizeit. Drei Stunden Dienst am Tag und permanenter Urlaub, also die ganze Nacht. In meiner Lage hätte einer, der von Hause aus Geld in den Händen hätte, in Berlin wohl unter die Räder kommen können. Am 14. September 1895 war es dann endlich soweit. Ich stand bekleidet mit weißem Hemd ohne Kragen, die Ehrbarkeit mit Wappennadel eingebunden, weißer Hose, weißer Weste, blauem Jackett und schwarzem breitkrempigen Hut, Berliner in rotbuntem Taschentuch unter dem Arm auf dem Kasernenhof an der Wrangelstraße. In der Hand den dicken gedrehten Stenz, an dem mein Kompanietroddel gebunden war. Die Sachen hatte ich mir von zu Hause schicken lassen. Meine Reservistenkameraden hatten alle ihre Uniformen an, die man mitnehmen konnte. In den Händen, die mit bunten Bändern geschmückten Reservistenstöcke. Ich erregte in meiner Kluft einiges Aufsehen. Nun trat unser Hauptmann Graf Kastell zu Rüdenhausen vor die Front und hielt eine kurze Abschiedsansprache. Dann rief er mich vor die Front und verlas einen Brief aus Posen von meinem früheren Topografen. Darin stand, dass die Gehilfen der Topografen jetzt nicht mehr abkommandierte Soldaten, sondern Zivilisten sein werden. Die Zivilisten würden aber im Militärverhältnis bleiben und ich sollte 5 Mark pro Tag nebst freier Station erhalten. Die Beförderung zum Unteroffizier wäre damit verbunden. Ich würde im Beamtenverhältnis stehen und pensionsberechtigt sein. Der Hauptmann meinte, ist das nicht ein glänzendes Angebot, soll ich ihnen gleich eine Fahrkarte nach Posen ausschreiben lassen und dabei hatte er meine Ehrbarkeit angefasst. Ich sagte ohne weitere Überlegung, Herr Hauptmann, meine Reise geht nach Bremen. Er schüttelte den Kopf und ging. Am Abend vorher war ich noch auf der Herberge gewesen und habe Abschied gefeiert. Die Zimmerleute hatten das Buch offen. Nun ging es in Reihen rechts um zum Schloß, dann links unter den Linden zum Brandenburger Tor zum Lehrter Bahnhof. Die Reservisten sangen Reservelieder, ich "den schönsten Frühling sehn wir wieder". Von der Bremer Gesellschaft wurde ich gleich gut aufgenommen. Die Herberge mit dem fliegenden Schild war damals noch im Geeren bei Hein Lupin, ebenfalls ein fremd. Einheimischer Maurer. Ich bekam gleich Arbeit auf dem Kaff Syke und fungierte in Bremen. Die Fremden waren in den zwei Jahren meiner Kommiszeit wieder sehr erstarkt. Es waren bedeutend mehr Gesellschaften, hauptsächlich längs der Nordseeküste sowie überhaupt in Norddeutschland, aber auch in Süddeutschland, in Thüringen und Sachsen und selbst in der Schweiz waren schon Gesellschaften. Die Verblend- und Backsteinbauten hatten auch im Süden zugenommen. Ein Grund, der diese Gebiete für die rechtschaffenen fremden Maurer interessanter machte. Bremen war schon jeher der Hauptsitz der fremden Gesellschaften. Alle Sachen von aufgelösten Gesellschaften mussten nach Bremen zur Aufbewahrung geschickt werden. In der Bremer Gesellschaft gab es damals auch noch einen Rolandsschacht, außerdem gab es damals in vielen Gesellschaften Spinn-, Pisspott-, Hengsten und auch noch anders benannte Schächte. Diese Schächte dienten hauptsächlich dem Fidelitas. Später wurden sie dann verboten, weil sie zu reinen Saufgelagen ausarteten. Ich ging der Wissenschaft halber auch in den Rolandsschacht. Den Zettel, den ich bei der Abreise erhielt nebenan auf Seite 85. Von diesen Rolandsschächten entlehnten sich die Blauen den Namen Rolandsbrüder. Da die Gründer meistens ausgeschlossene oder retourgebliebene Fremde waren, sind wohl auch einige Redewendungen, die im Rolandsschacht gebräuchlich waren, auch bei den Rolandsbrüdern eingeschaltet worden. Bei der Bildung der Rolandsbrüder in Freiburg/Breisgau war ein wegen Schulden ausgeschlossener Fremder, ein Kieler mit Namen Bernhard Kühl, Haupturheber. Mit dem hatte ich in Basel fungiert. Doch davon noch später. Am 25. September wurde dann mein Kamerad in Rendsburg Hermann Koch in Kosel vom Militär entlassen und reiste in Bremen zu. Ich hatte meinem Meister in Syke gleich gesagt, wenn mein Kamerad käme, müsste er ihn ebenfalls einstellen, sonst würde ich mit ihm zusammen abreisen. Wie mein Kamerad in Syke ankam, feierten wir abends das Wiedersehen nach zwei Jahren. "Am Sonntag, am Sonntag, dann schlafen wir bis Neune, dann kommt des Meisters Töchterlein und krappelt uns an die Beine --- und so ist recht und so ist fein und lustig wolln wir leben und kommen wir nicht ins Himmelreich, kommen wir doch dicht daneben" ---. Es dauerte dann auch gar nicht lange, da kam des Meisters Töchterlein und bat, wir möchten doch in die Döns kommen und dort weitersingen. Dieses sei hier als kleine Episode aus dem Fremdenleben wiedergegeben. Am 13. Oktober war die Arbeit dann alle. Den Sonnabend davor waren wir nochmal nach Bremen gewesen, wo wir uns jeder im linken Ohr einen Ohrring mit dem Maurerwappen einstecken ließen. Nun reisten wir nach Wilhelmshaven, arbeiteten dort bis zum 21. November und fungierten auch dort. Dann ging es weiter nach Norderney, wo wir am 27. November auch gleich Arbeit bekamen und in dortiger Gesellschaft fungierten. Am 27. Dez. bekamen wir wegen Frost Feierabend. Inzwischen waren wir schon im dritten Reisejahr. Auf dem letzten Kongress war beschlossen worden, dass für die Militärzeit ein halbes Jahr und für die Bauschüler, die als Fremde reisen, das Wintersemester-Halbjahr als Reisezeit angerechnet werden sollen. Nachdem wir noch recht fröhlich Weihnachten gefeiert hatten und gerade noch eben mit dem Fährdampfer, bevor es ganz zufror, nach Norden gefahren waren, ging die Tippelei den zweiten Winter wieder los. Über Emden ging es nach Holland. Wir besuchten dort die wichtigsten Städte bis Haarlem. Weiter ging es durch den Kohlenpott über das Bergische Land nach Westfalen. Beim Ansprechen auf einem Bauernhof in dieser Gegend, machte die Bäuerin das Fenster auf und rief: " Blieb to Hus, use Kinner bliebt ok to Hus". In Düsseldorf, wo Gesellschaft war, wurden wir von meinen Landsleuten Hermann Ahler und Karl Burmeister dufte ausgeschenkt. Hier hörten wir zum ersten Mal das Schluchtenlied singen: "Ja, wir haben auch schon vieles bereiset Fridolin --- und das können wir euch beweisen Fridolin....." Dann ging es über Dorsten, Bielefeld, Beckum, Detmold, Minden, Marburg, Darmstadt, Frankfurt/M. längs der Bergstraße über Heidelberg, Heilbronn, Aschaffenburg, München, Nürnberg, Ulm, Plochingen, Stuttgart, Mühlacker, weiter nach Süden. In Dürrn habe ich mehrere Male Mittagessen bekommen, meistens Spätzle und Kraut, auch Geldgaben hatten wir reichlich empfangen. Im Ort hatten wir schon mehrmals Pferdegeklapper gehört. Mein Kamerad meinte, lass uns schnell raus. Vor dem Tor konnte ich nicht weiter, weil ich zuviel gegessen hatte. Wir legten uns in den Chausseegraben und zählten gerade unsere Pfennige, da kam auch schon der Teckel (Gendarm) angeritten. Er hielt an und fragte, ob es sich gelohnt hätte. Wir bejahten das. Dann meinte er, ihr seid ja wohl mal richtige Handwerksburschen, haltet euch aber nicht mehr lange auf und dann will ich euch hier nicht mehr wiedersehen. Was für ein Unterschied gegenüber dem Blankenburger Schutzmann. Der Dürrner war in erster Linie Mensch. Unser Tagesziel war Pforzheim. Die Goldstadt wunderschön gelegen an der Pforte des Schwarzwaldes, wo Enz, Würm und Nagold zusammenfließen. Wir holten unsere Verbandsunterstützung. In jeder Stadt und in jedem Städtchen gab es jetzt Verbandszahlstellen und das machte das Reisen leichter und angenehmer. Infolge der zunehmenden Arbeitslosigkeit tippelten bedeutend mehr Kunden als 1892/93. Von den Verbandskollegen, die die Unterstützung auszahlten, und die selbst keine Gereisten waren, wurden wir Fremden häufig scheel angesehen. Es hatte sich in den zwei Jahren unserer Militärzeit viel geändert. Nachdem wir in Pforzheim in der Centralherberge "Zum Heidelberger Faß" übernachtet hatten und bei verschiedenen Baufirmen vergeblich um Arbeit nachgefragt hatten, tippelten wir über Durlach nach Karlsruhe. Hier gab es eine große Gesellschaft und viel Arbeit. Am 15.1.1896 fingen wir, nach 11 Wochen Tippelei an zu arbeiten. Nach 8 Tagen mussten wir wegen des starken Frostes wieder aussetzen. Schulden machen und Still liegen wollten wir nicht. So machten wir am 4.2. Feierabend. In Karlsruhe traf ich auch einen Lehrkameraden. Hermann Rowedder war ein kleines Kerlchen, hatte aber eine wunderbare Singstimme und sang viele Schlager und Opernlieder. Unsere Herberge war in der Kaiserstraße nahe der Techn. Hochschule. Studenten, die auf ihn aufmerksam geworden waren und Verbindung zu Theaterleuten hatten, vermittelten ein Probesingen im Theater. Er bekam daraufhin ein unentgeltliches Ausbildungsangebot. Davon machte er keinen Gebrauch, weil ihm das freie Leben wichtiger erschien. Hermann verlor wohl die große Chance seines Lebens. Leider ist er später, nachdem seine Stimme vom vielen Biertrinken gelitten hatte, auch den Fremden verloren gegangen und retour geblieben. Wir tippelten dann weiter über Baden-Baden, wo wir Brunnen tranken, bis Lahr in Baden. Hier arbeiteten schon 6 Fremde. Es wurde dort ein großes Brauhaus in gelben Verblendern gebaut. Meister Laube benötigte dringend Fremde und wir wurden sofort eingestellt. Nun bildeten wir Gesellschaft, zum ersten und wohl auch vorläufig zum letzten Mal in Lahr in Baden. Am 7. Juni 1896 reisten wir dann über Kehl nach Straßburg, wo auch Gesellschaft war. Aufnahme fanden wir in der alten, zünftigen Herberge in der Halbmondsgasse. Arbeit bekamen wir auf dem Neubau des Amtsgerichtsgebäudes. Das war ein reiner Verblendbau. 25 fremde Maurer schenigelten auf dieser Baustelle. Nach 4 Wochen hörten mein Kamerad und ich auf dieser Baustelle auf und fingen bei einem kleinen Krauter an der Kehler Landstraße an zu arbeiten. Ein Wohnhaus mit Backsteinen in Sichtmauerwerk wurde dort gebaut. Diese Arbeit sagte uns mehr zu. Damals war es noch Mode, die Backsteine an der Front oder am Giebel hochzuschucken, wie man sagte. Auf jedem zweiten Gerüst stand ein Maurer, der von dem unterstehenden zwei aufeinander gelegte Steine fangen und weiter werfen mußte. Dabei brannte die Sonne einem auf die Haut. Zum Ende waren sogar die englischledernen Hosen durchgeschwitzt und einmal wurde sogar ein Straßburger Geselle ohnmächtig. Am 1.8.1896 wurde ich zum Kongress nach Hannover delegiert. Es blieb mit den Statuten beim Alten. Neu wurde eingeführt, dass die Sachen beim Auflösen einer Gesellschaft nach Bremen zu schicken sind. Auch wurden schon Stimmen laut für eine Zentralverwaltung. Am 12.8.1896 hatten wir Richtfest und am 15.8. tippelten wir über die Rheinbrücke. Die Kameraden brachten uns mit Singen aus dem Tor. Ein Geselle voran mit der Kümmelflasche am rotbunten Taschentuch über die Schulter geworfen. An jeder Kreuzung wurde Halt gemacht und man ließ die Flasche kreisen. Nun ging es über Kehl, Freiburg, Lörrach nach Basel. Baugeschäft Adolf Schnetzler stellte uns für den Bau einer Straßenbahnhalle ein. Bis zum Baubeginn halfen wir beim Rapputz im Keller eines Neubaues aus. Sämtliche zureisenden fremden Maurer fanden auf dem Hallenneubau Arbeit. Wir suchten die alte, zünftige Maurerherberge "Zum Goldenen Ochsen" auf. Ein geschmiedetes, fliegendes Schild ragte in die Straße und in der Bierstube hing ein wunderschönes Stubenschild. Wir konnten nach langer Zeit wieder Gesellschaft in Basel bilden. Es erwanderten sich auch viele, sodass die Stärke der Gesellschaft auf 26 Fremde anwuchs. Am 8. November 1896 ließen wir uns fotografieren. Es war das erste Gesellschaftsbild in Basel. 1897 Ende Januar ging es dann nach Zürich, wo auch Gesellschaft war. Hier trennten wir uns. Mein Kamerad fing an zu arbeiten. Ich habe ihn erst nach vielen Jahren in Dänemark wiedergesehen. Er war dort Maurermeister und hatte eine Dänin geheiratet. Ich tippelte weiter nach Bern, fand dort aber keine Arbeit. In Winterthur war schon seit zwei Jahren Gesellschaft und ich wurde dort gleich eingestellt. Hier holte ich für die bei meinem Meister beschäftigten Fremden eine Zulage zum Stundenlohn von 5 Rappen raus. Der Meister bewilligte die Zulage für alle Fremden, weil wir sonst gemeinsam aufgehört hätten. Mir hatte er die Zulage schon am Anfang gegeben. Unsere Einigkeit wirkte auf die Italiener, die die Häuser bis Kellerhöhe in Bruch oder wie die Schweizer sagen "in Rauhe Steine" mauerten, ermunternd. Sie traten daraufhin fast alle dem Fachverein bei und feierten auch den 1. Mai mit. An unseren Bauten ruhten die Arbeiten vollständig. Es war einer der ersten Maiumzüge in Winterthur. Am 26.Juni 1897 haute ich dann in Sack und ging auf Tippelei, zum ersten Mal im Sommer und noch mit Geld in der Tasche. In Winterthur hatte ich meine Zettel prüfen lassen und beabsichtigte, in Vaihingen bei einem Kirchenneubau Arbeit aufzunehmen und dort Gesellschaft zu bilden. Mehrere Gesellen wollten nachkommen. Ich reiste nun über St. Gallen, Schaffhausen, Hohenzollern, Sigmaringen, Vaihingen zu. Es war eine lustige Wanderschaft. Damals hatte fast in jedem Dorf die Gastwirtschaft auch eine eigene Brauerei. Oft auch mit Schlachterei. Bier und Spiegeleier waren sehr billig. In mehreren Dörfern frühstückte ich ausgiebig hintereinander. In Vaihingen war es mit der Arbeit und dem angeblichen Kirchenneubau leider nichts. So tippelte ich wohlgemut über Ulm, Plochingen durch das schöne Neckartal. Ich fühlte mich richtig frei und ungebunden und schmetterte ein Handwerkslied nach dem anderen. In Pforzheim, wo schon häufig Gesellschaft war, sollte eine große Fabrikhalle in gelben Verblendern gebaut werden. Die Baufirma Christian Käser nahm mich mit offenen Armen auf. Das Arbeitsangebot hatte sich bald herumgesprochen und es kamen mehrere Kameraden zugereist. Am 8. Juli 1897 konnten wir Gesellschaft bilden. Die war bald 28 Mann stark, davon arbeiteten 25 an der Fabrikhalle. Wie in Winterthur arbeiteten wir vollständig selbständig. Ich hielt sehr auf solide Fröhlichkeit. Auf der Herberge kamen die Handwerkslieder zu ihrem Recht. Wir waren 5 ältere Gesellen in der Gesellschaft, die sich gute Sonntagskluft anschafften. Das Beispiel machte Schule und bald hatten alle Gesellen ihre Sonntagskluft. Dann ging es zum Frühschoppenkonzert in den Ratskeller, wo wir bald einen Tisch reserviert bekamen. Auch ein schönes silbernes Stubenschild konnten wir uns anschaffen. Im 2. Weltkrieg ging alles verloren. Nach Fertigstellung der Fabrikhalle wurde ich Polier an einem Schulneubau mit roter Sichtfassade und Gesimsen, Sohlbänken, Pfeilern sowie Mauerecken aus Sandsteinen. Am 18.12.1897 meldete ich mich einheimisch. Heinrich Arp aus Kiel löste mich als Wortführer ab. In letzter Zeit hatten wir schon mehrfach darüber gesprochen, dass wir Fremden Maurer uns ähnlich wie die Fremden Zimmerleute eine Zentralverwaltung schaffen müßten. Der Zusammenhalt wäre dann besser. Die bestehenden Fremdenbüchsen wollten noch nicht mitmachen. Der Gedanke blieb in der Diskussion. Am 23.3.1899 reiste ich dann nach Lübeck in meine Heimatstadt. Ich habe meine Reisezeit darum so ausführlich geschildert, um ein Bild des seinerzeitigen Reisens und des Lebens der fremden Gesellen zu geben. In Lübeck war zur Zeit keine Gesellschaft. Ich ging aber gleich mit der Fremdenbüchse nach oben und stellte die Gründung der Sterbe- und Reisekasse sowie die Einrichtung einer Zentralverwaltung vor. Die Lübecker Fremdenbüchse schrieb dann an alle Städte, wo noch Fremdenbüchsen waren. Nach langem Hin und Her wurde dann auf dem nächsten Kongress die Einrichtung einer Sterbe- und Reisekasse sowie einer Zentralverwaltung mit Sitz in Bremen beschlossen. Die Fremdenbüchsen traten alle der Sterbekasse bei und waren damit aufgelöst. Die Gründung hat viel mit zur Stärkung und zum Auftrieb des Fremdentums beigetragen. Alle fremden Gesellen mussten nun in der Sterbe- und Reisekasse sein. Die fremd einh. Gesellen hielten nun in den Städten, wo keine Fremden waren, die Gesellschaften hoch, sodass nun in ca. 40 Städten des In- und Auslandes Dauergesellschaften bestanden. |