Hamburger Abendblatt / Harburger Rundschau - 11.04.2005
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Rechtschaffene Gesellen

Maurer- und Steinhauergesellen aus ganz Deutschland unterbrachen ihre Wanderschaft für ihren Kongreß in Harburg


Gruppenbild mit Fahnen und "Deckeln": 27 Deligierte der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurer- und Steinhauergesellen posierten am Sonnabend vor dem Harburger Rathaus. Fotos: A. Schmidt



Sie kamen aus ganz Deutschland nach Harburg. 48 Männer trafen sich am Wochenende zum 23. Kongreß der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurer- und Steinhauergesellen in Harburg. „Einheimische" sind Gesellen; die mindestens drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft waren und jetzt in der Heimat ihrem Beruf nachgehen. „Fremde" hingegen sind noch auf Tippelei. Auch Schmiede, Betonbauer, Stukkateure, Fliesenleger und Landschaftsbauer werden in die Bruderschaft aufgenommen.



Der Maurergeselle Tobias „Tobi" Pawelke (29) kam aus Haundorf in Mittelfranken nach Harburg. „Wir sprechen über unsere Statuten, wie wir guten Nachwuchs bekommen, über den Internetauftritt (www.rechtschaffene-maurer.de) und über unsere Kluft." Als 1. Vorsitzender wurde der Harburger Maurer Dirk Schulze (39) im Amt bestätigt.

Auf dem Kopf tragen die Männer einen schwarzen Hut („Deckel"), der muß mindestens eine vier Zentimeter breite Krempe haben. „Der Hut war früher das Symbol des freien Bürgers. Wir setzen ihn nur in der Küche, hinterm Tresen und zum Essen ab." Eingeknüpft in den obersten Knopf der Staude, einem kragenlosen, weißen Hemd, ist die krawattenähnliche Ehrbarkeit. Sie ist verziert mit der Handwerksnadel. Westen und Hosen (aus Cord oder dem Stoff „Deutschleder") sind grau oder weiß - das Grau ist aber meist schon ausgeblichen und sieht beige aus. Das Jackett ist schwarz, grau oder weiß. An der Weste tragen die Männer acht Knöpfe (steht für den Acht-Stunden-Arbeitstag), am Jackett sechs Knöpfe (stand für die Sechs-Tage-Woche).

„Am 2. Dezember 2001 bin ich in Melchingen auf der Schwäbischen Alb losgegangen", sagt Tobi. „Ich hatte nach der Lehre keinen Bock zu studieren, wollte meinem Handwerk aber treu bleiben. Weil ich mir die Welt anschauen und etwas dazu lernen wollte, ging ich auf die Walz."

In den ersten Wochen wanderte er rund um seine Heimatstadt Augsburg, achtete dabei genau auf die 50-Kilometer-Bannmeile rund ums Elternhaus. Später kam Tobi auf seiner Tour nach Kiel, Berlin, Frankfurt und Erdingen. 2004 fuhr er mit einem Kameraden nach Griechenland. „Dort schenkte uns ein Bauer einen Esel, der trug unser Gepäck. Mein Kamerad wollte mit dem Esel zurück nach Deutschland wandern, aber nach 200 Kilometern wollte das Tier nicht mehr weiter in Richtung Norden. Wir wollten ihn wieder zurückbringen, aber er ist uns dabei abgehauen." Später wanderte Handwerksbursche Tobi auch durch Brasilien, wo sein Vater lebt.

In der Innentasche seiner Weste trägt Tobi sein Wanderbuch. Dort haben die Meister per Hand ihre Arbeitszeugnisse eingetragen. Unzählige Stadtstempel zeugen von seiner langen Reise. "Wir sprechen bei den Bürgermeistern wegen einer Reiseunterstützung vor. Meistens bekommen wir fünf bis zehn Euro. Auch bei der Gewerkschaft IG Bau und den Handwerkskammern gibt es einen Obulus.

In drei Wochen will Tobi seine Tippelei beenden. "Das ist schon ein bißchen ungewohnt. Die Umstellung von der Straße auf einen festen Ort ist schwieriger als das Loswandern. Leider kann man nicht mehr einfach abhauen, wenn es einem an einem Ort nicht pa8t." Wo gibt es Arbeit, wo Essen und Trinken, wo einen Schlafplatz - das sind die "Hauptproblemchen" bei der Tippelei der Handwerksburschen. "Ich habe bei Bauern im Stroh, bei Meistern in der Werkstatt, in Abrißhäusern, bei Wildfremden auf der Couch, in Pensionen für umsonst, auf Bahnhöfen und in ,1000-Sterne-Hotels' unter freiem Himmel geschlafen. Ich bin nie doof angemacht oder beklaut worden."


Artikel von: Andreas Schmidt - Harburg